Toshio Hosokawa: Stilles Meer (Hamburg, d. 24.01.2016; Uraufführung )

Das bei einer modernen Oper, die Hamburgische Staatsoper nahezu komplett ausverkauft ist, ist eine absolute Seltenheit. Die Oper behandelt die Zeit kurz nach der Katastrophe vom 11.03.2011 an der japanischen Ostküste, wo nach einem Tsunamie 18.537 Menschen für Tod erklärt wurden und die anschließende Katastrophe in einem Atomkraftwerk. Zwei Frauen trauern auf unterschiedliche Art und Weise um ihre Angehörigen. Die eine, Mihoko Fujimura ( Mezzosopran ) als Haruko,hat sich mittlerweile damit abgefunden, daß ihr Bruder durch den Tsunamie auf See sein Leben verlor und die andere, Susanne Elmark (Koloratursopran ) als Claudia, hofft das ihr Sohn doch wiederkommen wird und um das Ende des Werkes vorweg zu nehmen, natürlich kehren beide nicht wieder. Dann gibt es noch Bejun Mehta (Countertenor ) als Stephan, der Vater des Jungen, der extra aus Deutschland angereist kommt um seiner von ihm in Trennung lebenden Frau über diesen Verlust hinweg zu helfen. Aussichtslos, sie will von ihm weder Trost noch Hilfe. Der Abend beginnt damit, daß ein kleiner Roboter auf die Bühen fährt und auf japanisches kundtut, daß sie sich alle im sicheren Bereich befinden. Danach simuliert die Musik über den dominanten Klang mehrerer Trommel ein Erdbeben der Stufe 4. Danach hört man noch einmal die Stimme des Roboter mit der gleichen Botschaft, diesesmal allerdings auf Deutsch. Die ganze Oper wurde erst aus dem japanischen ( Oriza Hirata ) von Dorothea Gasztner ins Deutsche übertragen, bevor sich Hannah Dübgen dann daran machte hieraus ein Libretto zu erarbeiten. Die Musik enthält viele Anklänge die der japanischen Musiksprache entlehnt worden sind. Das Stück selber fällt von der Handlung her in den Bereich des No Theaters also ein Drama, daß sich mit der Heilung von Seelen beschäftigt und eigentlich überwiegend von Männern bestritten wird. War Mihoko Fujimura als Klytemnästra in einer Hamburger Elektra noch vor wenigen Monaten, ebenso wie der neue GMD Kent Nagano kläglich gescheitert, so waren hier beide voll in ihrem Element. Die Musik und die gesangliche Interpretation von Mihoko Fujimura und auch die von Susanne Elmark klangen erschüttert und ergreifend. Man konnte das ertragene Leid beider Akteure körperlich fühlend miterleben. Auch Bejun Mehta war gesanglich und darstellerisch brilliant. Die Musik dieses Werkes wechselte zwischen Rezitativen im konversationston vorgetragen und Gesang. Einzelne Arien im herkömmlichen Sinne gab es nicht, die Musik war trotz einiger gewollter Unterbrechungen durchkomponiert. In weiteren Rollen brillierten Victor Rud als Hiroto, Marek Gasztecki als Fischer und Lua-Sophie Störmer, die Stolz ihre gelernte Pirouette ihrer Lehrerin Claudia vorführte, als Mädchen. Zum Ende gingen fast alle mit Ausnahme der drei Hauptakteur in weißen Arbeitsanzügen mit Mundschutz zum Friedhof. Nachdem der letzten Ton verklungen war, blieb man als Zuhörer mit einem leichten Gefühl der Verstörung zurück (  nicht alle, manche einer Schrie in die Stille nach dem letzten Ton, schon eine Viertelsekunde später Bravo. Drei Minuten später hätten es auch getan ). Zusammengefaßt eine musikalische Sensation, die man unbedingt Live erlebt haben sollte.

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